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Die heißesten Mädels in der Stadt

An einem frühen Samstag Nachmittag im letzten Herbst betrat ein beeindruckender Herr europäischen Aussehens, ungefähr Anfang 50, das Café Mersand in Tel Aviv. Die Insassen des Cafés zeigten sich nicht besonders beeindruckt von dem grauhaarigen Herren, denn viele Touristen besuchen dieses Etablissement, und der Herr, begleitet von einer gepflegten Dame, erregte kein besonderes Aufsehen...

Von Shay Feldmann, Haaretz v. 24.10.2008

Es war klar, dass der Herr jemanden sucht. Seine Begleiterin folgte ihm. Das Café war voll besetzt, die Kaffeemaschinen und leise Musik bildeten eine angenehme Geräuschkulisse. Plötzlich war die Stimme einer der älteren Damen zu hören, die an einem Ecktisch saßen, ganz in der Nähe des großen Schaufensters: „Günther!“, rief sie und fasste sich ans Herz. Ihre vier Freundinnen richteten aufgeregt den Blick auf den Herren. Er drehte sich zu ihnen um, lächelte verlegen und trat an ihren Tisch. Die Damen, die ihre beste Garderobe angelegt hatten und sorgfältig geschminkt waren, strahlten vor Glück und Aufregung, so als hätten sie seit Jahren auf dieses Treffen gewartet.

Günther Jauch, ein deutsche TV-Star, der im Jahr 2005 vom „Stern“ zum berühmtesten Mann der Welt ernannt wurde, wollte die jeckische Damengruppe, die fast jeden Tag im Café Mersand zusammentrifft, überraschen. Er hatte in einer deutschen Zeitung gelesen, dass sie für ihn und seine Sendung „Wer wird Millionär“ schwärmen und beschlossen, einen kurzen Privatbesuch in Israel in seinen vollen Zeitplan aufzunehmen. Er wandte sich an die Journalistin Charlotte Misselwitz, die in der Berliner Zeitung einen Artikel über die Damen vom Café Mersand veröffentlicht hatte, und von ihr erhielt er die E-Mail Adresse des Eigentümers des Cafés, Boaz Tregermann, von dem er erfuhr, an welchen Tagen sich die Damengruppe trifft. Tregermann lieferte ihm die Information, nach einer Absprache mit Misselwitz wurde jedoch beschlossen, den Damen den bevorstehenden Besuch zu verraten. Da sie wussten, wie groß ihre Verehrung für ihn ist, befürchteten sie, dass ihr Herz die Überraschung nicht verkraften könnte.

Die „Mädels“, wie sie von den Mitarbeitern des Cafés und den Stammgästen genannt werden, sind eine Gruppe von jeckischen Frauen, alle in ihren 80-gern. Das Café ist eine Art Tel Aviver Mythologie: Es wurde im Jahr 1955 von Walter Mersand eröffnet, einem Neueinwanderer aus Deutschland, der sich nach den alten Kaffeehäusern Wiens und Berlins sehnte und sein Café in diesem Design gestaltete. Mitte der 60-er Jahre schloss sich der Sohn Walters, Mike, der Leitung des Cafés an, und vor vier Jahren verkaufte es dieser an Tregermann, 38, der beschloss, das einzigartige Design zu bewahren. Zusammen mit dem Inventar erbte Tregermann auch die Mädels und die besondere Behandlung, die sie erhalten. Bis heute ist der Ecktisch neben dem großen Schaufenster für sie reserviert.

Mimi Frons und Chaja Florentin, beide 87 Jahre alt, sind der Kern der Gruppe. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit in Berlin, jetzt schon seit 84 Jahren. Ihnen schließen sich Ilse Jorens an, die aus Österreich stammt, sowie die Leipzigerin Batja Feinzeck. Männer gibt es in der Runde nicht.

Mimi Frons und Chaja Florentin stammen aus jüdischen Familien, die von Polen nach Deutschland ausgewandert sind, und als „Ostjuden“ wurden sie dann dazu erzogen, noch deutscher zu sein als der Papst. Sie hatten deutsche Kindermädchen, die ihnen „Benehmen beibrachten“, und ihre Eltern, die Deutschland noch vor dem Krieg verlassen haben, bemühten sich darum, ihnen die beste deutsche Erziehung zu vermitteln, die man sich nur denken kann. Und das hat geklappt. Frons und Florentin achten auch heute noch auf die Etikette, zu der man sie erzogen hat.

Misselwitz erzählt, bei ihrem Israelaufenthalt habe sie viele Stunden mit den Damen verbracht und sei jedes Mal erstaunt gewesen, wie eng sie mit der deutschen Kultur verbunden sind. Zunächst konnte sie kaum einen Unterschied zwischen ihnen und gleichaltrigen Damen in Deutschland feststellen. „Sie kleiden sich ähnlich, verwenden dieselben Begriffe und benehmen sich in vieler Hinsicht wie jeder, der in den 20-er und 30-er Jahren in Berlin oder anderen deutschen Städten aufgewachsen ist. Später stellte ich fest, dass sie einen Teil der deutschen Kultur sogar noch stärker bewahren als ich es von zu Hause gewöhnt bin. Sie erzählten von der ‚Schlafstunde’, die sie auch heute noch zwischen 14 und 16 Uhr einhalten, der Erziehung, die ihre Kinder erhalten haben, das Benehmen, die Ordnung und das gepflegte Äußere, das bewahrt werden muss.

Es hat mich verblüfft, dass sie so viele Jahre, nachdem sie ihre Heimat verlassen haben, die alten Gebräuche noch so genau pflegen, obwohl sie von der Kultur, auf die sie so viel Wert legen, ja nur getreten wurden. Ich versuchte, dieses Verhalten irgendwie einzuordnen, aber dann habe ich begriffen, dass dies nicht möglich ist. Sie sind ganz einfach ‚Jeckes’, und das ist ein einmaliges und erstaunliches Phänomen.“

Auch Günther Jauch kehrte mit ähnlichen Eindrücken nach Deutschland zurück. Er besuchte Israel inkognito, weit entfernt von den Medien, und bei seiner Rückkehr sagte er zu den deutschen Medien lediglich: „Das ist ein wenig traurig, denn diese Damen hätten ihren Platz hier in Deutschland finden können.“ Diese Woche, in einer E-Mail, fügte er hinzu: „Ich war völlig überrascht, in Israel so viele Menschen zu treffen, die mich aus dem Fernsehen kennen. Sie alle erzählten mit, in Deutsch, von ihrer Kindheit und wie sie die Nazizeit überlebt haben. Das Treffen mit den Damen im Café Mersand hat mich so sehr beeindruckt, dass ich tiefe Scham über die Ereignisse in Deutschland in jener Zeit empfand. Sie sangen mir die Lieder ihrer Kindheit vor und ich begriff, dass sie einen wichtigen Teil unserer Kultur darstellen, der verschwunden ist. Es hat mich auch völlig erstaunt festzustellen, dass diese Damen, wenn sie an meiner Sendung teilnehmen würden, Zehntausende Euro gewinnen könnten, da sie über die deutsche Kultur außergewöhnlich gut informiert sind. Und das, obwohl sie Deutschland vor über 70 Jahren verlassen haben. Ich glaube, sie wissen mehr als mancher 30-Jährige, der sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat.“

Misselwitz erzählt, dass ihr Artikel in Deutschland großes Echo ausgelöst hat. Die Geschichte der „Mädels“ vom Café Mersand wurde danach auch in anderen Zeitungen veröffentlicht, und auch in Radio- und TV-Sendern wurde davon berichtet. „Das ganze Thema der Jeckes wurde in den letzten Monaten in den deutschen Medien sehr aktuell“, sagt sie. „Ich glaube, man hat sie neu entdeckt“.

Der ehemalige TV-Mann Micha Limor, der Herausgeber der Zeitschrift „Jeckinton“ der Jeckes in Israel, hat das neue Interesse der deutschen Medien an der Erscheinung ebenfalls erkannt. „Normalerweise erhalte ich im Jahr Anfragen von fünf oder sechs deutschen Zeitungen, in den letzten Monaten sind es eine oder zwei im Monat. Auch Studenten und Akademiker aus Deutschland interessieren sich plötzlich für die Geschichte der Jeckes. Sie lernen dadurch viel über die deutsche Kultur. Viele kommen nach Israel und wollen, dass wir ihnen von der Generation unserer Eltern erzählen, wie die Geschichte uns beeinflusst hat und wie wir heute zu Deutschland stehen.“

Was führte zu diesem neu erwachten Interesse? „Ich glaube, es begann mit den 60-Jahrfeiern des Staates Israel. In den deutschen Medien wurde das Thema aus dem Blickwinkel der Jeckes behandelt, und seitdem ist das Interesse erwacht. Es wurden Filme über sie gedreht, und vor einem Monat wurde im ‚Centrum Judaicum’ eine Ausstellung zu dem Thema eröffnet, eine Kopie des Jecke-Museums in Teffen.“

Die Beiträge in den deutschen Medien brachten in der letzten Zeit viele deutsche Touristen ins Café Mersand, die meisten in ihren zwischen 50 und 60, die die Erscheinung mit eigenen Augen sehen wollen. Sie fragen nach den „Mädels“, und wenn sie Glück haben, treffen sie sie und trinken gemeinsam ein Tässchen Kaffee mit ihnen.

Frons und Florentin erwarten keine Entschuldigung von der zweiten oder dritten deutschen Generation. Sie betonen immer wieder, dass die Journalisten und die jungen Leute, die ihnen schreiben, und natürlich auch Günther Jauch keinerlei Schuld oder Verantwortung für die Vergangenheit haben. Dennoch wird Florentin jedes Mal wütend, wenn sie das Wort „Deutsche“ hört, und ihre automatische Reaktion ist zu sagen „Sollen sie doch verbrennen“. Aber nach einigen Sekunden besinnt sie sich dann wieder. „Erst vor Kurzem saß ich hier mit einigen jungen Deutschen zusammen, und sie waren so nett. Ich habe überhaupt nichts gegen sie, im Gegenteil. Aber alte Gewohnheiten kann man halt nicht ändern. Wir haben in jenem Krieg zu viel verloren.“

Die Narbe des Holocaust sieht bei den Jeckes anders aus als bei den Überlebenden aus anderen europäischen Ländern. Die meisten von ihnen schreckten niemals vor der deutschen Sprache oder Kultur zurück, im Gegenteil, sie bewahrten sie. Ruthi Ofek, die Kuratorin des Museums in Teffen, ist der Meinung, dass dies ein existenzielles Bedürfnis war. „Das war Teil ihres Überlebens. Auch sie hatten Eingliederungsprobleme, wie alle Neueinwanderer, aber bei ihnen war es noch komplizierter. Polen, Rumäner oder Marokkaner scheuten sich nie davor, im Bus ihre Muttersprache zu sprechen. Die Jeckes trauten sich das nie. Seit meiner Kindheit wurde mir gesagt, dass Deutsch nur geflüstert werden darf. Die Jeckes mussten ihre Kultur also hinter geschlossenen Türen pflegen und sich von der israelischen Atmosphäre absondern. Die israelische Gesellschaft verachtete sie, und sie fühlten sich ihr überlegen, und so isolierten sie sich immer stärker. Deshalb wurde ihre Kultur so perfekt bewahrt. Auch heute gibt es noch einige Jeckes, die kein einziges Wort Hebräisch sprechen. Ich glaube nicht, dass es in Israel eine andere Gemeinde von Einwanderern gibt, die so viel Einfluss auf alle Bereiche des israelischen Lebens hatte, und sich dennoch so stark von der israelischen Gesellschaft isolierte.“

Für die Mädels vom Café Mersand ist Günther Jauch das Symbol deutscher Kultur und Vornehmheit, noch dazu, da er aus der angesehenen Familie Jauch stammt, der z.B. auch der Nobelpreisträger für Literatur Henryk Sienkiewicz angehörte. Was die Damen nicht wissen, ist, dass die Familie auch im 2. Weltkrieg einen hochrangigen militärischen Vertreter aufzuweisen hat, SS-Gruppenführer Karl Fischer von Treuenfeld, der vor allem dafür berüchtigt ist, nach dem Attentat auf Heydrich die Racheaktion gegen die Tschechen kommandiert zu haben. Auch wenn sie es wüssten, würden sie vorziehen, es zu ignorieren. Mit seinem Besuch hat Jauch ihnen die deutsche Anerkennung verliehen, nach der sie sich all die Jahre gesehnt haben.

Ihre Wiederaufnahme in die deutsche Kultur, noch dazu als Kulturheldinnen und Wallfahrtsort, stärkte in ihnen die Fähigkeit, die Entschuldigung anzunehmen und zu vergeben. „Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mit Deutschen Kontakt aufnehme und eine Korrespondenz führe, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt Frons. Und Misselwitz erzählt von der Versöhnung auf der anderen Seite: „Bei den ersten Treffen mit ihnen hatte ich das Gefühl, als stünde der Holocaust zwischen uns. Aber als ich im Januar noch einmal nach Israel kam, waren sie sehr herzlich zu mir und haben mich umarmt und berührt. Sie lachten und sagten, ich hätte sie berühmt gemacht. Ich hielt sie an den Händen, ließ mich von ihnen in die Wangen zwicken und erinnerte mich an meine verstorbene Oma. Das machte mir das Ausmaß des Absurds
deutlich, das die Geschichte diesen Frauen verursacht hat, und ich war froh, dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte, dieses Unrecht wieder gut zu machen.“

Medienspiegel der Deutschen Botschaft Tel Aviv

Category: Gesellschaft
Posted 10/28/08 by: admin



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